Liebe ist … Teil 2

 

Die Chemie der Liebe

die Illusion der LiebeIn unzähligen Liedern, Romanen, Gedichten und Verfilmungen werden all die menschlichen Empfindungen während der Verliebtheit zum Ausdruck gebracht. Sie sind für so manchen Menschen die Basis, oder prosaischer formuliert, der „Stoff“, aus dem heraus sie sich ihre Träume, Wünsche und Sehnsüchte kreieren – und die persönliche Vorstellung davon, wie der perfekte Partner sich darstellen soll, wie die perfekte Liebe für sie selbst aussehen muss und sich anfühlen sollte.

So gesehen hat jeder Mensch eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie sein Partner auszusehen hat und sich in einer Beziehung mit ihm verhalten soll.

PaarbeziehungEr hat sich ein Leben mit dem „richtigen “ Partner seit Langem in allen Farben konkret ausgemalt und es auch schon zigmal träumerisch in seinen virtuellen Gedankenräumen durchlebt. Das aber ist dem Menschen natürlich nicht genug. Er will es ganz real körperlich fühlen und erleben. Also startet er irgendwann diverse Unternehmungen, um diesen Wunsch Realität werden zu lassen, da dies sein ganzheitliches Wohlbefinden um einiges verbessern würde.

Was die Suche nach dem idealen Partner generell zu einem Risiko werden lässt, …

… ist der Umstand, dass „Mann“ und „Frau“ ziemlich genau wissen, was das andere Geschlecht für Vorstellungen von Partner und Partnerschaft hat. Deshalb wird auch jeder Mensch, der die Gelegenheit hat, einem potenziellen Partner zu begegnen, sich die grösste Mühe geben, diese erwünschten Standards an Eigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltensweisen an den Tag zu legen und sie dem anderen zu signalisieren.
Und wenn der eine oder andere Standard in einem selbst noch nicht so verinnerlicht ist, um auf natürliche Weise gelebt werden zu können – kein Problem, dann wird man eben seine schauspielerischen Fähigkeiten nutzen. Man legt sich eine Maske zu, und spielt dem begehrten Gegenüber diesbezüglich die nahezu „oskarreife“ Rolle eines perfekten Partners vor.

Love and peace Und dann passiert es. Da geht man nichts ahnend seines Weges und begegnet diesem faszinierenden Wesen. Ein paar Blicke, das eine Wort ergibt das andere. Beide finden sich auf Anhieb höchst sympathisch. Man verabredet sich zu einem Date und schnell stellt man fest: „Himmel noch mal, was für ein Mann, was für eine Frau!“ Aus höchster Sympathie wird übergangslos eine Verliebtheit. Was den „Chemikern“ im Gehirn eine oft jahrelange Hochkonjunktur beschert. Was das Zeug hält, produzieren sie nun die verschiedensten Botenstoffe, um Körper und Geist paarungswillig zu machen.

Der Chemie hilflos ausgeliefert, erzeugt dieser Liebes-Cocktail eine Abhängigkeit, die gleichzusetzen ist mit den körperlichen und psychischen Symptomen eines Rauschgiftsüchtigen. Konkret bedeutet dies, dass Verliebte sich zeitweise in einem Zustand der „Unzurechnungsfähigkeit“ befinden können, Hemmschwellen abbauen und sich dabei zu irrationalen Handlungen hinreissen lassen.

Der Verliebte selbst projiziert – unter Drogeeinflusss – seine Vorstellungen, Träume und Wünsche auf die Person seiner Begierde, wobei diese derart idealisiert wird, dass es der Realität nicht mehr entsprechen kann. Die begehrte Person erscheint in dieser Zeit als makellos und perfekt, und man versucht sie mit allem nur Erdenklichem zu beeindrucken.

Die BalzEs ist faszinierend mit anzusehen, zu welchen radikalen Gesinnungs- und Verhaltensänderungen ein frisch verliebter Mensch fähig ist. Im ersten Stadium der Balz entwickelt er plötzlich nie gekannte Fähigkeiten und ein erstaunliches, man möchte beinahe sagen stures Durchhaltevermögen. Würde man die Gedanken von zwei sich Umwerbenden vertonen können, so hörte man beide im Gleichklang verschwörerisch flüstern: „Nimm mich, ich bin der perfekte Partner für Dich!“

TraummannDie chemische Keule im Gehirn erinnert sich plötzlich auch noch an ihre Bestimmung. In einem alles vereinnahmenden forte fortissimo con appassionato stimmt sie die Ouvertüre der komischen Oper “Wenn zwei Illusionisten sich finden“ an. Worauf der von solchen Mächten Heimgesuchte nicht mehr anders kann, als hoch motiviert zu beschliessen: „Ich muss das Wesen haben. Es zeigt alle für mich wichtigen Kriterien und Wertvorgaben.

Das ist die Gelegenheit. TraumfrauDieses Schnäppchen kann und darf ich mir nicht entgehen lassen“.
Das Komische an dieser „komischen Oper“ ist, dass die beiden Hauptakteure – jeder für sich in der Annahme, der andere sei von Haus aus so perfekt wie er sich darstellt – mit Vorsatz schummeln und ganz bewusst versuchen, dem anderen den perfekten – und für ihn auch noch erreichbaren – Traumpartner vorzugaukeln.

Nach einiger Zeit gewöhnt sich der Körper an diese hohe Ausschüttung körpereigener Drogen. Schrittweise (laut WHO maximal nach 24-36 Monaten) beendet das Gehirn diesen „Rausch der Sinne“. Hat sich die Verliebtheit der beiden involvierten Personen bis dahin nicht weiterentwickelt, werden die auf diese Art entstandenen Paarbeziehungen instabil.
Und gar nicht wenige machen sich daraufhin, gleich einem Junkie, auf die Suche nach einem neuen „Dealer“, der ihnen jene spezielle Droge verkaufen kann, die sie wieder in den „Rausch der Sinne“ katapultiert.

Diese Drogenabhängigkeit macht sich besonders dann deutlich bemerkbar, wenn einer der beiden „Verliebten“ frühzeitig von seinem Trip herunterkommt und die Beziehung, aus welchen Gründen auch immer, beendet, während der andere noch „voll drauf“ ist.

EntzugFaktisch ähnelt dieser Prozess einem Entzug nach langer Drogenabhängigkeit, mit allen bekannten schmerzhaften Symptomen, depressiven Stimmungsschwankungen und der ständig drohenden Gefahr eines Rückfalls.

Das Besondere an der Liebesdroge, im Gegensatz zu allen anderen Drogen, ist, dass der betroffene Mensch von einer ganz speziell nur für ihn konzipierten Droge abhängig ist. Was bei einem abrupten einseitigen „Liebesaus“ für den plötzlich auf Entzug gesetzten „Süchtigen“ umso einschneidender ist, da nur der eine ganz spezielle „Liebes-Dealer“ diese Liebesdroge zur Verfügung stellen kann.

Betrachtet man unter diesen eben genannten Gesichtspunkten jene unzähligen Lieder, Romane, Gedichte und Verfilmungen, die das Thema Liebe zum Inhalt haben, so gelangt man unweigerlich zu einer höchst amüsanten Schlussfolgerung:

romeo und juliaKein noch so gutes Werk hat je die menschliche Liebe oder gar die wahre Liebe zwischen zwei Personen beschrieben. Ganz egal, wie wunderbar wohlklingend, intellektuell entschwebt oder emotional ergreifend es auch formuliert ist. Ganz egal, mit welcher künstlerischen Perfektion die einzelnen Werke auch dargestellt werden, so ist jedes einzelne Werk tatsächlich nicht mehr als die subjektive Beschreibung geistiger Halluzinationen, körperlicher Gefühle und Handlungen eines menschlichen Individuums während der verschiedenen Phasen hochgradigen (Liebes)-Drogenkonsums, beziehungsweise schwerster (Liebesdrogen)-Entzugserscheinungen.

Gönnen Sie sich den Spass, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, und betrachten Sie die einzelnen Werke unter diesen Gesichtspunkten. Finden Sie für sich heraus, bei welchen Künstlern und Autoren die „chemische Liebeskeule“ am stärksten im Hirn einschlug oder alternativ dazu: wer von ihnen am kreativsten und künstlerisch anspruchsvollsten seine persönliche Welt während des Konsums oder Entzugs seiner Lieblingsdroge beschreibt. Denn eins sollte auch klar sein:
Droge hin oder her – Kunst bleibt Kunst.

PS:
Ob man das nun gut oder weniger gut findet, kein Mensch kann verhindern, dass irgendwann die chemische Liebeskeule im Hirn einschlägt. Das einzig „vernünftige“, das man in dieser Situation tun kann, ist, dieses Stadium der temporären Unzurechnungsfähigkeit in vollen Zügen zu geniessen. Diese Form des Wahnsinns ist die einzige, die weltweit von den Artgenossen aller Kulturen akzeptiert oder zumindest vorübergehend toleriert wird.

Mal sehen, was von der Liebe übrig bleibt, wenn man die Chemie mal ausser Acht lässt …

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